
Manfred Kaderli
Können Chatbots das Lernen unterstützen?
DATUM: 24. Januar 2018

Chatbots – in Trendthema, dem wir uns bei LerNetz im Lernkontext widmen. Viele Firmen experimentieren zum Beispiel im Kundendienst bereits mit Chatbots. Statt Minuten lang mit Musik in der Warteschleife einer Hotline berieselt zu werden, sollen smarte Programme die Kunden sofort bedienen. Die Chatbots reagieren auf bestimmte Schlüsselwörter und -phrasen. Dadurch können Einkauf- und Serviceprozesse dialogbasiert unterstützt werden. Die Swisscom-Tochterfirma Search.ch nutzt Chatbots im Facebook-Messenger: Kinoprogramm, Wetterbericht und Zugverbindungen lassen sich auf diesem Weg abrufen. Einige von diesen Programmen sind sogar lernfähig. Hier kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel..
Künstliche Intelligenz
Ein Chatbot, der aus den gestellten Fragen lernt und die nächste Antwort schon kennt, bevor die Frage gestellt wurde? In den letzten Jahren ist im Bereich der «künstlichen Intelligenz» (KI)* oder englisch «Artificial Intelligence (AI) sicher ein grösserer Entwicklungsschritt gelungen. Wurden früher die Regeln und Parameter vorprogrammiert, sind die Programme heute in der Lage selber Regeln zu definieren und anzuwenden. Damit dies möglich ist, benötigen diese eine grosse Menge qualitativ hochwertiger Daten, welche sie auswerten können. Es wird zwischen schwacher und starker künstlicher Intelligenz unterschieden. In der Bildauswertung, zum Beispiel in der Magnetresonanz, können Programme im Bereich der «schwachen KI», bald bessere Resultate erzeugen als Menschen. Übersetzungssoftware wie die Übersetzer-App von Google kann in 40 Sprachen nahezu in Echtzeit übersetzen. Autonome Fahrzeuge sind bereits unterwegs. Diese Technologien vereinen ultraschnelles Auswerten grosser Datenmengen mit maschinellem Lernen. Das ist zwar beachtlich, aber bei all diesen Anwendungen ist der Computer vor allem eines: sehr fleissig. Er ist nicht «intelligent».
Bis ein Programm eine «starke KI» entwickeln kann, das heisst, kreativ nachdenkt und Probleme löst wie ein Mensch, wird es noch länger dauern — falls dies überhaupt je möglich sein wird. Die grösste Herausforderung wird wohl sein, unsere ethischen Grundwerte komplett in Software einbauen zu können. Wir sind bei LerNetz überzeugt, dass im Lernkontext dies nicht das Ziel sein muss. Wir sehen die smarten Programme eher als Erweiterung unserer menschlichen Intelligenz. Bei LerNetz nutzen wir zum Beispiel, wenn immer möglich die kollektive Intelligenz. Wir setzen Werkzeuge ein, die unsere Intelligenz «verstärken», wie etwa ein Chat oder Mobiltelefone. «Künstliche Intelligenz» müsste in Zukunft wohl in diese Systeme eingebettet sein.
Chatbot mit starker oder mit schwacher Intelligenz?
Chatbots die lernfähig sind, müssten also über künstliche Intelligenz verfügen. Im Lernkontext macht ein Chatbot mit starker KI — der alles besser weiss, und eventuell sogar wirklich alles besser weiss — keinen Sinn. Drei Gründe scheinen uns dabei besonders wichtig zu sein:
- Jede Person soll ihre eigene Individualität entwickeln können. Lernende sollen zu eigenen Überlegungen angeregt werden: Was ist ihnen wichtig? Was sollen oder wollen sie noch lernen? Die Erweiterung des Horizontes darf nicht durch einen Algorithmus bestimmt werden. Denn unsere Gesellschaft braucht Menschen, die kritisch denken, selbstbestimmt handeln und die Würde ihrer Mitmenschen achten. Programme, die eine starke KI aufweisen, würden diese Kompetenzen kaum fördern.
- Wenn ein Chatbot entscheidet, was aufgrund des Vorwissens gelernt werden soll, nimmt dieser dem Lernenden die sehr wichtige Selbstverantwortung ab. Gerade diese müsste aber für einen nachhaltigen Lernerfolg gestärkt werden.
- Scheitern gehört zum Leben und zum Lernen, auch wenn es manchmal verunsichert und schmerzvoll sein kann. Aber wer aus Fehlern lernen kann, probiert etwas Neues und entwickelt sich weiter. Chatbots können Lernumgebungen, die solche Erfahrungen zulassen, nicht ersetzen.
Interessant wären Chatbots, die Lernende als «Challenger» beim Finden von Lösungen unterstützen statt ihnen die Lösungen vorgeben. Wird es je soweit kommen? Wäre dies dann noch ein Chatbot?
Ein Chatbot mit schwacher KI, macht aus unserer Sicht aber durchaus Sinn. Insbesondere wenn der Mensch und sein selbstgesteuertes Lernen im Zentrum stehen. Smarte Programme sollen nicht entscheiden, welches der nächste Lernschritt ist, sondern uns mit Hilfe von Informationen, Aufgaben und Fragen zur Reflexion auffordern. Solche Chatbots – vielleicht die neue Generation von Lernassistenten – möchten wir entwickeln! Wer hilft mit?
Kurz erklärt
Künstliche Intelligenz (KI) oder Artificial Intelligence (AI) ist der Oberbegriff zur Beschreibung aller Forschungsfelder, die sich mit der Erbringung menschlicher Intelligenzleistungen durch Maschinen beschäftigen.
«Machine Learning» oder maschinelles Lernen ist der Oberbegriff für alle Verfahren, die es Maschinen ermöglichen, Wissen aus Erfahrung zu generieren, also zu lernen.
«Deep Learning» mit künstlichen neuronalen Netzen ist eine besonders effiziente Methode des permanenten maschinellen Lernens auf der Basis statistischer Analyse grosser Datenmengen (Big Data) und die bedeutendste Zukunftstechnologie innerhalb der AI.